Kunst zwischen Fliegerbomben und Twitter | 13.09.2009 Aachener Zeitung

Simonskall. Mancher Besucher der Marienkapelle in Simonskall zeigte sich am Samstag erstaunt, war überrascht, und wusste nicht so genau wohin mit seinen Gedanken, weil diese ohne Gegenwehr gerade von seinen Emotionen verdrängt wurden.

«Variationen in freien Fall» hat Komponistin Dorothée Hahne ihr Klangwerk genannt. Mit ihm stimmte sie die Besucher in das Werk der Malerin Maf Räderscheidt ein.

Vergeblich suchte der Zuhörer nach ihm bekannten Instrumenten. Hahne spielte auf den Hälften einer englischen Fliegerbombe und dem Stahlhelm eines deutschen Soldaten. Sie tönten wie große Klangschalen, wimmerten, wenn die Künstlerin Patronenhülsen hineinwarf. Ein Plastikrohr aus dem Baumarkt dröhnte archaisch wie ein Didgeridoo. «Wer Gott liebt, kann auch auf einem Plastik-Didgeridoo Musik machen», lautet der Wahlspruch Hahnes.

Die Laudatorin Dr. Dorothy Rowe, aus Bristol angereist, schlug den Bogen von der Musik Hahnes zu den impressionistische Landschafts- und Tierbildern der Malerin Maf Räderscheidt. Räderscheidt, zurzeit in Schleiden wohnend, ist die Enkelin des Künstlerehepaares Marta Hegemann und Anton Räderscheidt, die vor dem Zweiten Weltkrieg zu den «Kölner Progressiven» – einer Gemeinschaft von Künstlern, Schriftstellern und Intellektuellen – gehörten, die eine Zeit lang von Simonskall ein neues Menschenbild verbreiteten.

Die Bilder im Junkerhaus mit der Überschrift «A Painting a Day keeps the doctor away», sagte Franz Tiedtke vom Junkerhaus, «sind eine Hommage an diese Künstler der Kalltalgemeinschaft».

Dorothy Rowe sieht Räderscheidt in der Tradition vieler europäischer Maler der vergangenen Jahrhunderte. Sie zeigte Parallelen zu Albrecht Dürer und Joseph Beuys auf. Alle diesen Künstlern gemeinsam war die Idee der Freiheit. Und diese Idee wollten sie mit ihrem Schaffen verbreiten. «Maf Räderscheidt ist in der Tradition der Freiheit mit ihren Werken Nachfolgerin vieler berühmter Vorgänger», stellte Rowe fest.

Unverkennbar auch die Fortsetzung der Ideen von Räderscheidts Großmutter in der neuen, digitalen Welt, denn erstmals können sich seit einem halben Jahr Kunstinteressierte in der ganzen Welt täglich ein neues Bild von Räderscheidt im Internet anschauen. Die Künstlerin, ganz ohne Scheu vor den neuen Medien, stellte ihre kleinformatigen Aquarelle, Worte und Klänge der Vernissage in Simonskall über den Microblog-Dienst Twitter ins Netz.

Räderscheidts Kommentar: «Ich verbreite meine Kunst auf direktem Weg zu den Menschen, ohne sie dem Diktat eines Museumsdirektors zu unterwerfen.» Die Ausstellung, vom «Kunst- und Kulturverein Höhen-Art Hürtgenwald» veranstaltet, wurde von Bürgermeister Axel Buch eröffnet. Zu sehen sind die Werke bis zum 1. November, an Sonn- und Feiertagen von 12 bis 18 Uhr, mittwochs und samstags von 15 bis 18 Uhr.

Von Bruno Elberfeld Quelle: Aachener Zeitung 13.09.2009

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